Psychisch Kranke in der heutigen Gesellschaft und deren Rehabilitation am Beispiel von an Schizophrenie erkrankten Menschen.

Der Begriff „Psychose“ wurde im 19. Jahrhundert geprägt und leitet sich von dem Wort „psychisch“, d.h. „mit der Seele zusammenhängend“, also seelisch, ab. Damit werden sehr schwere seelische Erkrankungen zusammengefasst, die nicht aus eigener Kraft alleine bewältigt werden können; ärztlich therapeutische Hilfe ist hierzu unbedingt erforderlich.
Charakteristischerweise sind hierbei der Bezug zur Wirklichkeit, die Einsichtsfähigkeit sowie die Fähigkeit, mit den üblichen Lebensanforderungen zurechtzukommen, erheblich gestört.
Das Denken, Wollen und Fühlen sind ebenfalls sehr eigenartig verändert, so dass viele Patienten hinterher ganz fassungslos sind und sich fragen, ob das alles nicht ein „böser Traum“ gewesen sei. Und tatsächlich: wenn wir uns vorstellen, wir haben einen Alptraum im wachen Zustand während des Tages, während wir unseren Alltagsverrichtungen nachzukommen versuchen, dann ist es in etwa die Qualität des Erlebens, die ein unter wahnhaften Vorstellungen und Erlebnissen leidende Mensch erlebt.
Das Wort „schizophren“ kommt aus dem Griechischen und heißt wörtlich übersetzt in etwa „Spaltung der Seele“. Damit ist nicht die Spaltung des Menschen in zwei Persönlichkeiten gemeint, sondern beschreibt die Tatsache, dass schizophren Erkrankte „zwei Wirklichkeiten“ kennen. Die „reale Wirklichkeit“ ist diejenige, die dem normalen Verständnis und Empfinden der Durchschnittsbevölkerung entspricht; gleichzeitig erleben diese Menschen eine „zweite Wirklichkeit“, sie erfahren Dinge, nehmen Sinneseindrücke wahr, die Gesunde nicht nachvollziehen können.
Das Vorhandensein von zwei nebeneinander stehenden Wahrnehmungswelten wird also mit dem Begriff „schizophren“ umschrieben. Der umgangssprachliche Begriff „verrückt“ will ebenfalls andeuten, dass das Wahrnehmungsvermögen der Erkrankten „weggerückt“, „ver-rückt“ gegenüber dem Empfinden der übrigen Menschen ist.
Zu Beginn der Erkrankung sind sich die Erkrankten zuweilen dessen sehr wohl bewußt, dass sie „zwei Realitäten“ (Wirklichkeiten) wahrnehmen. Die meisten Patienten erleben mit Bestürzung und großem Befremden, dass sie eine neue Erlebnisqualität besitzen, die ihnen früher nicht bekannt war und die sich scheinbar unwiderruflich und unveränderbar in ihre Existenz einmischt. Es fällt ihnen jedoch sehr schwer zu unterscheiden. was nun „wirklich“ und was „unwirklich“ ist. Im Vollbild der Psychose werden die Patienten oft völlig von ihren krankhaften Vorstellungen beherrscht und nehmen diesen Widerspruch nicht mehr wahr. Diese Patienten wirken dann wie von einer starken inneren Gewissheit erfüllt: auch durch noch so eindeutige Gegenbeweise lassen sie sich nicht mehr von ihrer inneren Überzeugung abbringen, sie erleben Gegenbeweise sogar als bedrohlich, weil dem massiv beeinflussenden wahnhaften Erleben widersprechend. Man spricht dann von einer „absoluten Wahngewissheit“ oder, wie es von manchen Patienten beschrieben wird, wie etwa: „Man kann sich total verrennen, wenn sich die Seele plötzlich irrt.“
Die Vorurteile gegenüber Patienten, die an einer Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis leiden, sind auf jahrhunderterlangen Aberglauben und daraus resultierenden Missverständnissen zurückzuführen. Leider besteht aber auch heute noch in vielen Kreisen der Öffentlichkeit ein verbreitetes Misstrauen gegenüber psychisch kranken Menschen. Dies beruht darauf, dass in einer arbeitsteiligen Gesellschaft von allen Menschen eine Verständlichkeit ihrer Motive und eine absolute Verlässlichkeit ihres Verhaltens erwartet wird. Da diese Eigenschaften bei einigen Patienten mit einer schizophrenen Erkrankung vorübergehend nicht vorhanden sind, gelten diese Kranken häufig als unberechenbar, unzuverlässig und sogar gefährlich. Dazu kommt noch, dass in früheren Zeiten sehr viele Patienten mit derartigen Erkrankungen über lange Perioden ihres Lebens in psychiatrischen Einrichtungen untergebracht und damit dem Blick der Gesellschaft weitgehend entzogen waren. Die Angst vor solchen psychiatrischen Anstalten und ihr geheimnisvolles übermächtiges Erscheinungsbild wurde auf die Patienten übertragen, die dort behandelt werden mussten. Außerdem gab es bis vor 50 Jahren noch keinerlei wirksame Behandlungsmethoden.
Und mit Bitterkeit und Trauer erinnern wir uns an die 120.000 Patienten, die in der wahnsinnigen Euthanasieaktion von dem Naziregime als unwertes Leben deklariert und umgebracht worden sind.
Heute haben sich diese Verhältnisse glücklicherweise grundlegend geändert. Der überwiegende Teil schizophrener Krankheiten bedarf nur noch einer vorübergehenden klinischen Behandlung, der Patient kehrt danach meistens in seine Ursprungsgemeinschaft zurück. Die Akutbehandlung kann häufig in Psychiatrischen Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern (170 in der Bundesrepublik) durchgeführt werden und vollzieht sich nach den gleichen Prinzipien wie sie in anderen medizinischen Bereichen üblich ist. Nach dieser Akutbehandlung ist die Mehrzahl der Patienten wieder in der Lage, ihre früheren sozialen Beziehungen wahrzunehmen und am Arbeitsleben teilzuhaben.
Leider sind dadurch die Vorurteile der Öffentlichkeit keineswegs völlig verschwunden. Dies mag damit zusammenhängen, dass der Begriff der Schizophrenie zu Beginn dieses Jahrhunderts häufig mit einem chronischen Verlauf und einem ungünstigen Krankheitsausgang verknüpft wurde. Auch dies hat sich mittlerweile geändert. Wir sprechen nicht von „der Schizophrenie“ sondern von der „Gruppe der Schizophrenien“ oder besser von dem Formenkreis der schizophrenen Erkrankungen. Damit ist gemeint, dass diese Erkrankungen in sich keineswegs einheitlich sind.
Es handelt sich vielmehr um eine gleichartige oder ähnliche Symptomatik, die nach den heutigen Erkenntnissen die gemeinsame Endstrecke völlig verschiedenartiger Krankheitsursachen darstellt und in ihrem Verlauf verschiedenartig ist. Wenn wir also heute vom Formenkreis der Schizophrenie sprechen, so meinen wir hiermit nicht nur die relativ kleine Kerngruppe schwerer Schizophrenien, sondern fassen unter diesem Begriff auch Randformen der Erkrankung zusammen, die sich durch einen sehr viel günstigeren Verlauf auszeichnen. Teilweise werden sogar die sogenannten schizoaffektiven Psychosen (eine Kombination aus schizophrenen und depressiven Symptomen) zum Formenkreis der Schizophrenie gerechnet, obwohl diese Randformen der Krankheit durch viele atypische Merkmale gekennzeichnet sind und früher in der Regel nicht zu den Schizophrenien gezählt wurden. Aus diesen Gründen ist die Bezeichnung „Formenkreis der Schizophrenien“ heute nicht mehr mit dem negativen Beigeschmack verbunden., der früher mit dem Terminus einherging. Die auch heute noch bestehenden Vorurteile sind daher nicht berechtigt.
Es gibt eine Reihe anderer Krankheiten, die einer Psychose aus dem Schizophrenen Formenkreis sehr ähnlich sein können. So z.B.
– Durchblutungsstörungen des Gehirns
– Gehirnschwund (z.B. Alzheimersche Krankheit)
– Gehirntumoren
– Hirnverletzungen
– Schwere Epilepsien
– Entzündungen des Gehirns
– Mangel- und Fehlernährung
– Hormonstörungen
– Vergiftungen
– Drogen

Ihr Ausschluss setzt eine sorgfältige körperliche Untersuchung und den Einsatz moderner diagnostischer Verfahren voraus. Mit dieser Hilfe lassen sich körperliche Krankheiten oder Hirnerkrankungen entdecken, die das Erscheinungsbild einer schizophrenen Psychose vortäuschen können. Insbesondere kann auch die regelmäßige Einnahme von Drogen zu schizophrenieähnlichen Symptomen führen.

Aus diesen Gründen muss die Diagnose einer schizophrenen Erkrankung prinzipiell mit großer Vorsicht und Zurückhaltung gestellt werden. In nicht wenigen Fällen ist dies nur aufgrund einer längeren Beobachtungszeit möglich. Dies ist verständlich, wenn man bedenkt, dass sich die Annahme einer schizophrenen Erkrankung gegenwärtig nicht durch zuverlässige körperliche Befunde stützen lässt, sondern nur durch die genaue Beobachtung psychischer Normabweichungen möglich ist. Im Zweifelsfall muss eher einmal auf eine klare und eindeutige Diagnose verzichtet werden. Es kann dann schwierig sein, Entscheidungen über die Notwendigkeit und Dauer von Behandlungsmaßnahmen zu treffen.
Aus diesem Gründen tut der Arzt sicher gut daran, dem Patienten die Diagnose einer Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis nur dann rückhaltlos mitzuteilen, wenn er sich seiner Sache völlig sicher ist und davon ausgehen kann, dass der Betroffene mit der Belastung und Beunruhigung fertig wird, die mit dieser Information verbunden ist.
Da die Bezeichnung „Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis“ in der Öffentlichkeit leider auch heute noch mit Vorurteilen behaftet ist, kann es sich für den Patienten und seine Angehörigen empfehlen, diese Bezeichnung im Umgang mit Behörden, Arbeitgebern oder nur oberflächlich Bekannten zu vermeiden. Mann kann dann einfach von einem „Nervenzusammenbruch“, „Erschöpfungszustand“ oder einer „seelischen Krise“ sprechen. Oft wird diese Erkrankungsgruppe mit dem etwas allgemeiner lautenden Begriff Psychose bezeichnet.
Oft wird bei den sog. großen psychiatrischen Erkrankungen, wie Depressionen, Manien, manisch-depressiven und schizophrenen Erkrankungen von einer sog. „endogenen Psychose“ gesprochen. Das Wort „endogen“ bedeutet wörtlich übersetzt „von innen kommend“. Damit ist gemeint, dass die Ursache der Erkrankung vorwiegend im „Inneren des Organismus“ zu suchen ist, ohne dass die Ursache bisher genau bekannt wäre.
Nach heutigem Wissensstand geht man davon aus, dass damit eine Störung des Nervenstoffwechsels verbunden ist. Allerdings weiß man heute, dass zu diesen Stoffwechselstörungen häufig noch andere Ursachen hinzutreten, die aus der Biographie, durch besondere Empfindlichkeit gegenüber Lebensstress herkommen und die teilweise auch in der Umwelt des Erkrankten zu suchen sind.
Interessant ist auch die Tatsache, dass nach Auswertung von mehreren tausend Prozessakten nicht belegt werden konnte, dass die Rate an kriminellen Straftaten im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung erhöht wäre. Diese Patienten sind in aller Regel auch nicht aggressiv oder gewalttätig, im Gegenteil, sie suchen Schutz und Zuflucht von ihren „Verfolgern“. In Ausnahmefällen kann es jedoch vorkommen, dass sich Patienten derartig bedroht fühlen, dass sie sich, in vermeintlichen Selbstschutz, ihren Widersachern gegenüber verzweifelt zur Wehr setzen. Um zu verhindern, dass sich bedroht fühlende Patienten andere oder sich selbst gefährden, müssen akut Erkrankte unbedingt von entsprechend geschulten Fachkräften in psychiatrischen Kliniken betreut werden.
Unter entsprechender Behandlung klingen die akuten Beschwerden bei den allermeisten Patienten innerhalb einiger Monate nahezu vollständig ab. Durch Beibehaltung einer wirksamen Rückfallschutzbehandlung kann das Wiederauftreten der Krankheit weitgehend verhindert oder in etwa 25 % der Gesamterkrankten zumindest vermindert werden. Ein Großteil der Patienten kann daher ein nahezu normales Leben führen. Ein geistiger Abbau, wie früher angenommen und behauptet, ist mit der Krankheit nicht verbunden.
Knapp ein Fünftel der Patienten erleiden nur einmal in ihrem Leben eine psychotische Erkrankung, d.h. nach Abklingen der Krankheitssymptome tritt keine akute Psychose mehr auf. Bei etwa der Hälfte der Erkrankten können immer wieder neue Erkrankungsschübe vorkommen, die aber jedes mal wieder abklingen.
Beim verbleibenden Drittel kommt zur Rezidivgefahr noch etwas anderes hinzu. Bei diesen Patienten kann es erhebliche Schwierigkeiten bereiten, sich wieder vollständig von den Folgen der Erkrankung zu erholen. Was letztendlich verantwortlich sein könnte für deren Energiemangel, der die Verrichtungen des täglichen Lebens erschwert und was die Patienten so hartnäckig hindert, sich wider zu freuen und glücklich zu fühlen, kann nicht generell gesagt werden. Vermutlich ist dies auf eine Verkettung von zahlreichen ungünstigen Faktoren zurückzuführen. Der Arzt kann mit seiner Kenntnis der genauen Krankheitsgeschichte aber am ehesten sagen, welche Hilfen er jeweils für geeignet hält, diesen Zustand zu verbessern.
Die Zahl der Patienten, die von einem derartigen Residualzustand (d. h. soviel wie „anhaltender Schwächezustand“) betroffen sind, wurde früher manchmal überschätzt, weil zu den unmittelbar krankheitsbedingten Schwächezuständen noch die negativen Auswirkungen von langfristigen Krankenhausaufenthalten hinzukamen (Hospitalisierungsschäden). Heute kann durch eine frühe soziale Wiedereingliederung der Patienten, durch ihre umfassende Unterstützung und durch angemessene Einbeziehung der Angehörigen einer solchen ungünstigen Entwicklung meist erfolgreich vorgebeugt werden. Als Faustregel gilt, dass selbst bei sehr ungünstig verlaufenden Erkrankungen nach 10 – 20 Jahren eine deutliche Abschwächung der Symptomatik eintritt und die Patienten ein für sie zufriedenstellendes Leben führen können, z. B. auch in Nachsorgewohngemeinschaften, in Tagesstätten und Integrationsbetrieben; also in den Einrichtungen der komplementären sozial-psychiatrischen Versorgung (Gemeindepsychiatrischen Verbünde – GPV).
Insbesondere kann durch die Möglichkeit der medikamentösen Rückfallschutzbehandlung mittlerweile das Risiko einer Wiedererkrankung ganz erheblich verringert werden.
Hier kommen wir wieder an den Anfang der Psychosebetrachtung, nämlich zu dem Ausbruch der Psychose. Dies sowohl für die Ersterkrankung wie auch für evtl. Wiedererkrankungen von Bedeutung, weil die Erkrankten die sog. Frühwarnsymptome wahrnehmen können und bei entsprechenden Aufklärung durch und Kooperation mit dem Arzt der Wiedererkrankung entgegen steuern können.
Zu Beginn klagen viele Patienten über zunehmende Geräusch- und Lärmempfindlichkeit. Sie empfinden eine allgemeine innere Unruhe, Nervosität, fühlen sich angespannt, haben oftmals auch unbestimmte Angst. Es treten Konzentrationsstörungen auf, die Patienten fühlen sich weniger leistungsfähig, sind nicht mehr so ausdauernd wie früher. Viele klagen über eine nicht zu erklärende Schlaflosigkeit, sie wirken verstimmt, missmutig, gereizt. Sie fühlen sich unwohl, können sich diese Stimmungsveränderung nicht richtig erklären. Sie beginnen allmählich misstrauisch zu werden, ziehen sich zurück, fühlen sich von der Umwelt nicht mehr verstanden. Neben diesen „Frühwarnzeichen“ sind aber auch noch andere Verhaltensweisen möglich.
Andererseits, nicht jede Gereiztheit, Verstimmtheit oder vorrübergehende Schlaflosigkeit muss den Beginn einer Psychose ankündigen.
Schon öfters erkrankte Patienten berichten, dass sich bei ihnen beginnende psychotischen Symptome immer sehr ähnlich äußern. Die meisten Patienten entwickeln allmählich ein untrügliches Gefühl dafür, was das mögliche Wiederauftauchen psychotischer Symptome anbelangt und können so mit ihren Betreuern rechtzeitig Gegenmaßnahmen treffen. Das Krankheitsgefühl und die Bereitschaft sich behandeln zu lassen, nehmen mit fortschreitender Verschlechterung der Psychose rasch ab. Deshalb ist es von großer Bedeutung, sich bereits bei den ersten Anzeichen in ärztliche Behandlung zu begeben.
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein drohender Rückfall abgefangen werden kann, ist um so besser, je früher die medikamentöse Behandlung begonnen wird (Früherkennungsmaßnahmen, Früherkennungsprogramme).
Trotz vieler Gemeinsamkeiten gibt es kein einheitliches Erscheinungsbild der zum schizophrenen Formenkreis gehörigen Psychosen. Jeder Patient hat aufgrund seiner Persönlichkeit und seiner Lebensgeschichte sozusagen „seine typische, unverwechselbare, ja einmalige“ Ausprägung der Erkrankung. Auch bei wiederholten Auftreten einer Psychose kann diese sich bei der gleichen Person jedes mal anders äußern.
Vor allem bei Ersterkrankungen sind die psychotischen Erlebnisse sehr quälend für die Betroffenen. Viele spüren zu Beginn der Psychose, dass das krankheitsbedingte Erleben „eigentlich nicht möglich ist“, dass dies mit ihren bisherigen Erfahrungen nicht vereinbar ist. Andererseits werden die Halluzinationen (also Trugwahrnehmungen) und die paranoiden Symptome (also Wahnerlebnisse) so eindeutig und überzeugend wahrgenommen, dass an der Realität (also Wirklichkeit) dieser Eindrücke nicht gezweifelt werden kann. Dieser Widerspruch verunsichert die Patienten sehr. Sie sind deshalb oft mit sich selbst uneins und kapseln sich ab. Viele Patienten wehren sich mit bewundernswerter Zähigkeit gegen die plötzlich auftretenden Krankheitssymptome. Durch den dämpfenden Effekt von Alkohol oder Drogen gelingt es manchmal, die Erkrankung abzuschwächen. derartige „Notbremsen“ können den Ausbruch der Psychose aber meist nur geringfügig hinauszögern. In der großen Mehrzahl der Fälle gelingt es ohne fremde Hilfe und aus eigener Kraft nicht, den Ausbruch der Erkrankung zu verhindern.
Trotz weltweiter wissenschaftlicher Bemühungen gibt es bisher keine letztendlich befriedigende Erklärung, wodurch die Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis verursacht werden. Mit ziemlicher Sicherheit steht fest, dass dafür keine isolierte Einzelursache verantwortlich gemacht werden kann. Man spricht heute von einem multifaktoriellen Bedingungsgefüge, d. h. zahlreiche unterschiedliche Einflüsse sind von Bedeutung.
Zu einem spielen genetische Einflüsse bei vielen Patienten eine erhebliche Rolle, sind aber nicht die alleinige Ursache, wie dies um die Jahrhundertwende von vielen Wissenschaftlern vermutet wurde. Des weiteren kommt körperlich bedingten Ursachen eine erhebliche Bedeutung zu.
Die psychosozialen Faktoren (Einflüsse der unmittelbaren Umgebung wie Familie, Arbeitskollegen, Freundeskreis usw.) nehmen ebenfalls eine sehr wichtige Stellung innerhalb der Erkrankungskette ein. Die Bedeutung der psychosozialen Einflüsse wurde aber vor allem in den 50er und 60er Jahren etwas überschätzt. Heute weiß man, dass dieser Bereich weniger als Ursache, sondern eher für den weiteren Verlauf der Erkrankung von ausschlaggebender Bedeutung ist.
Zum Schluss möchte ich sie kurz mit dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell bekannt machen, weil es sowohl theoretisch wie auch in der therapeutischen Arbeit eine brauchbare Verständigung bietet.
Die Theorie wurde 1973 erstmals formuliert. Ganz allgemein besagt sie, dass die „Außenhaut“ der Seele (die Ich-Haut), das sog. „Nervenkostüm“ nicht bei allen Menschen gleich stabil ist, dass es wohl einige Menschen gibt. die eine besonders „dünne Außenhaut“ haben.
Beim Zusammentreffen vieler ungünstiger Ereignisse wie beruflicher Stress, körperliche Erkrankung, seelische Enttäuschungen usw. kann es zu einer akuten Überforderung der nervlichen Belastbarkeit kommen. Die ohnehin dünnere und empfindlichere Außenhaut wird überstrapaziert und das Nervenkostüm reiß ein, so dass es zum Ausbruch einer Psychose kommt (der Patient fühlt sich wie nackt den Reizen aus der Umgebung ausgeliefert).
Häufig kann die Erkrankung aber auch ohne erkennbare äußere Belastungen auftreten, sie bricht dann sozusagen wie aus heiterem Himmel herunter.
Manche Menschen haben eine anlagenbedingte erhöhte innere Erkrankungsbereitschaft. Obwohl es hierfür noch keine eindeutig beweisenden Untersuchungsmethoden gibt, geht man heute davon aus, dass die Neigung zu einer erhöhten Erkrankungsbereitschaft überwiegend angeboren ist (etwa 15-20% von den auslösenden Faktoren).
Wenn durch das Zusammentreffen der veranlagungsbedingten Vulnerabilität (also Verletzlichkeit) mit dem augenblicklichen Stress (also Belastungen und Schwierigkeiten) ein wohl für den Menschen typischer „kritischer Grenzwert“ überschritten wird, kommt es nach heutiger Auffassung zum Ausbruch der Erkrankung.

Menschen mit einer nur sehr geringen Vulnerabilität können demzufolge sehr viel mehr Stress ertragen als jene, die eine sehr hohe Vulnerabilität besitzen. Bei letzteren kann bereits durch einige relativ harmlose Belastungen die kritische Grenze überschritten werden, so dass es zum Ausbruch der Psychose kommt.
Und eine Beruhigung zum Schluss:
Menschen, die diese innere Erkrankungsbereitschaft gar nicht besitzen, werden einerseits auch unter Stress keine Psychose entwickeln (es sei denn, sie werden ihrer schützenden „Ich-Haut“ durch Folter beraubt, wie in fast allen totalitären Regime dieser Erde geschehen) oder andererseits im Stress sich doch gegen eine Reizüberflutung durch eine Filterung von wichtigen und unwichtigen Informationen nicht ausreichend schützen können.

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